Musikalischer Dialog in schwierigen Zeiten
 
Zehn Jahre Partnerschaft Hessen-Bursa

Deutsch-türkisches Orchesterprojekt im Oktober

Hanau (mab). Die erste Regionalpartnerschaft eines deutschen Bundeslandes mit der Türkei war ein Novum. Am 21.Oktober 2010 unterzeichneten Vertreter aus Hessen und der Provinz Bursa ihre Erklärung zur Zusammenarbeit. Ziel war es, nicht nur die Politik, sondern auch die Bürger beider Länder zu verbinden. Ein Anliegen, das im zehnten Jahr der Freundschaft wichtiger denn je ist. Zum Jubiläum hat die Hanauer Bildungseinrichtung Haus der Musik ein besonderes Projekt ins Leben gerufen. Im Oktober wird ein deutsch-türkisches Orchester gemeinsam in Hanau und Seligenstadt musizieren. Die Schirmherrschaft hat die Hessische Ministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, Lucia Puttrich, übernommen

Weitere Schirmherren des außergewöhnlichen Kulturprojekts sind der Hanauer
Oberbürgermeister Claus Kaminsky, der CDU-Landtagsabgeordnete Ismail Tipi, Honorarkonsulin Sabine Sibel Cura-Ölçüoğlu und der Bürgermeister der Hanauer Partnerstadt Nilüfer, Turgay Erdem. Hier entstand auch die Idee für das Orchesterprojekt. „2015 haben wir mit zahlreichen Nachwuchsmusikern Nilüfer besucht, was für alle Beteiligten eine großartige Erfahrung war“, berichtet Michael Schnadt, Leiter der Bildungseinrichtung Haus der Musik, der das deutsch-türkische Orchester im Oktober dirigieren wird. Ein Jahr später besuchte eine Delegation aus der Türkei Hanau. Dann geriet der Austausch aufgrund der politischen Situation in Ankara ins Stocken. Jetzt, zum Jubiläum der Partnerschaft zwischen Hessen und Bursa, hat Schnadt einen neuen Anlauf unternommen - und mit Staatministerin Lucia Puttrich eine wertvolle Partnerin gewonnen. „Ich habe ihr das Konzept Ende 2020 bei einem Besuch in Wiesbaden vorgestellt und sie hat uns sofort ihre Hilfe zugesagt.“ Was auch wichtig ist, denn ohne die finanzielle Unterstützung aus Wiesbaden könnte das Projekt nicht gestemmt werden. Weitere Unterstützung kommt von der Stadt und der Sparkasse Hanau ebenso wie vom Verein Freundschaft mit Nilüfer aus der Grimmstad
 
Doch auch so stießen die Organisatoren auf hohe Hürden. „Wir erwarten 18 Studenten aus Bursa, die derzeit das erforderliche Geld für eine Ausreise nicht besitzen“, informiert Schnadt. „Das liegt daran, dass die jungen Leute allein 250 Euro für das Visum und eine Ausreisedokument zahlen müssen. Dabei geht es um reine Verwaltungskosten unabhängig von den Flugtickets.“ Hohe Kosten, die durchschnittliche Familien in der Türkei heute kaum noch aufbringen können. „Seit Jahren sind die Löhne in der Türkei nicht gestiegen, die Lebenshaltungskosten dagegen massiv. Die wirtschaftliche Situation hat sich seit unserem Besuch 2015 drastisch verschlechtert.“  Die hohen Hürden bei der Ausreise sind für Schnadt politisch motiviert. Umso mehr freut er sich, dass die Deutsche Botschaft kostenfreie Visa für die 18 Studenten ausgestellt hat

Am 14. Oktober werden die Musiker am Frankfurter Flughafen empfangen. Um 18 Uhr findet ein weiterer Empfang im Steinheimer Marschstall statt, wo die Studenten ihre Gastfamilien kennenlernen. „Alle Besucher werden in türkischsprachigen Familien untergebracht, die sich zunehmend für eine musikalische Ausbildung ihrer Kinder interessieren“, wie Schnadt erläutert. Einer der Höhepunkte des Besuchs wird eine historische Stadtführung durch Seligenstadt am Freitag, 15. Oktober, die vom örtlichen Männerchor Germania gestaltet wird. Am Abend wird der Chor gemeinsam mit dem Orchester in der Seligenstädter Marienkirche auftreten. Am folgenden Samstag, 16. Oktober, war eigentlich ein Auftritt im Hessischen Landtag vorgesehen, was sich aber mittlerweile an den Corona-Verordnungen des Parlaments zerschlagen hat. „Das war ein schwerer Schlag für uns, da der Besuch bereits fest ausgemacht war.“ Eingesprungen ist dafür die Stadt Langenselbold, die sich als Gastgeber für ein großes Familien-Mittmachkonzert in der Herrnscheune angeboten hat. Zum krönenden Abschluss treten die Musiker am Sonntag, 17. Oktober, um 18 Uhr in der Alten Johanneskirche Hanau auf. Zuvor gibt der Verein Freundschaft mit Nilüfer einem Empfang
 
Das Orchester wird vermutlich aus 26 Musikern bestehen, darunter auch Solisten, die beim Haus der Musik ausgebildet werden. Da während des Besuchs höchstens acht Stunden zum gemeinsamen Proben zur Verfügung stehen, bereiten sich die Musiker in der Türkei und in Hessen getrennt auf die Konzerte vor. Auf dem Programm stehen Werke mehrerer türkischer Komponisten aber auch Polkas, Stücke von Beethoven und zahlreiche musikalische Überraschungen
 
Die Vorfreude bei den Gastgebern ist groß. „Ich bin fest davon überzeugt, dass Musik das Tor zu einer friedvollen Welt einen Spalt weit öffnen kann“, erläutert Schnadt das Motto, das ihn seit Jahrzehnten bewegt, und das vor dem Hintergrund der Hanauer Anschläge für ihn noch einmal eine ganz besondere Bedeutung erhält. „Musik kann Menschen verbinden, deshalb wollen wir das Jubiläum der Partnerschaft Hessen-Bursa auch genau hier würdigen.“ Und Schnadt hat bereits weitere Pläne geschmiedet: In zwei Jahren will der Landesdelegierte im Bundesverband Freier Musikschulen ein internationales Orchester gründen, um eine Oper des Tenors und Komponisten Joan Martínez Colás aus Barcelona in mehreren europäischen Städten aufzuführen
 
Konzerte

Freitag, 15. Oktober: Konzert mit jungen Nachwuchssolisten aus Hessen und Bursa, dem Projektorchester und dem Männerchor Germania Seligenstadt in der Marienkirche Seligenstadt. Beginn 19 Uhr, Einlass ab 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Samstag, 16. Oktober: Mitmachkonzert für Familien in der Langenselbolder Herrnscheune um 16 Uhr. Der Einlass ist frei

Sonntag, 19. Oktober:  Konzert mit jungen Nachwuchssolisten, dem Projektorchester und der Concordia Singgemeinschaft und den Happy Voices aus Bruchköbel in der Alten Johanneskirche Hanau. Beginn 18 Uhr, Einlass ab 17 Uhr.  Der Eintritt ist frei. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.hdm-hanau.de

Infokasten: Haus der Musik

Vor zehn Jahren ist das Haus der Musik als gemeinnütziger Verein in Steinheim gegründet worden. Mittlerweile verfügt die Talentschmiede über Niederlassungen in Großauheim, Klein-Auheim, Ronneburg, Hammersbach, Hirzenhain und Langenselbold und demnächst sogar in Barcelona. Den Unterricht bestreiten Hochschuldozenten aus Frankfurt und Mainz sowie diplomierte Musiker oder qualifizierte Studenten. Für besondere Talente bietet der Verein Stipendien an. Ziel der Bildungseinrichtung ist es nicht nur, Menschen zu helfen, ein Instrument zu lernen, sondern Talente langfristig zu fordern und in ihrer Entwicklung zu begleiten. Dafür kooperiert der Verein unter anderem mit mehreren Akademien und einer Musikhochschule in Gießen. Die Angebote reichen von Workshops und Einzelunterricht über Stimmbildung bin hin zu Bands und einem italienischsprachigen Chor. Darüber hinaus unterstützt das Haus der Musik Organisationen und Kommunen bei der Ausrichtung von akademischen Feiern oder Empfängen